2022/09/08

Lehren einer Reise: Was gute Führung ausmacht

Autor: Shoaib Naik

Auf einer Reise in die Türkei traf ich auf Meister Khalil. Die Begegnung mit dem Töpfermeister und seiner Kunst inspirierte mich, darüber nachzudenken, was gute Führung eigentlich ausmacht.

Auf einer Reise in die Türkei nahm ich an einem Töpferworkshop teil, der von Meister Khalil geleitet wurde. Er sagte, dass es jahrelange harte Arbeit und viel Übung brauche, um zu verstehen, welche Art von Ton zu welcher Art von Kunstwerk geformt werden könne und um ein wahrer „Meister“ zu werden. Und genau dies geschehe meist unter Anleitung eines erfahrenen Meisters, der ebenfalls Jahre des Lernens gebraucht habe. Die Fähigkeit, seinen Mentor schließlich zu übertreffen und genau zu wissen, welche Art von Ton am Ende welche Art von Kunstwerk ergebe, mache erst einen wahren Meister aus. 

Eine Führungskraft zu werden ist eine ähnliche Übung, die Jahre der Geduld und harter Arbeit erfordert, um sie zu meistern. Als Führungskraft kann man direkt oder indirekt die Laufbahn von Menschen beeinflussen. Führung wird oft als Recht, als Machtposition angesehen, aber es ist vielmehr eine Verantwortung. Verantwortung deshalb, weil man in dieser Rolle den Verlauf der Karriere oder sogar des Lebens einer Person ein Stück weit mitgestalten kann. Allein dadurch, dass die Person vielleicht zu einem aufschaut und Teil des eigenen Teams ist. Führung entsteht nicht durch einen Titel, sondern sie beginnt an dem Tag, an dem man denkt: Wie baue ich großartige Menschen und Teams auf? 

Aber ist es leicht, Teams oder Personen aufzubauen? Gibt es einen Rahmen, den man als Führungskraft einhalten sollte? Gibt es irgendein Zertifikat oder einen Workshop, der einen zur guten Führungskraft macht? Ich denke, man sollte sich diese Fragen stellen. Und müsste ich sie beantworten, wäre meine Antwort ein klares NEIN! Denn um eine Führungskraft zu werden, muss man sich selbst gut kennen und sich in seiner Haut wohlfühlen. Man muss seine eigenen Grenzen kennen, sich ständig weiterentwickeln und bescheiden genug sein, sich zu entschuldigen und zu akzeptieren, wenn man im Unrecht ist. Zudem muss man lernen, nur Dinge zu versprechen, die man auch halten kann. 

Überrascht? Viele würden sagen, dass es bei Führung darum geht, andere dazu zu bringen, besser zu werden und zu wachsen. Aber dazu muss man bei sich selbst anfangen. In einem guten Team kann die Schwäche des einen Teammitglieds die Stärke des anderen sein. Auf diese Weise spornt man sich gegenseitig an, noch besser zu werden. Im Team sollten Emotionen ausgedrückt werden können und man sich gegenseitig unterstützen, anstatt sich als Bedrohung oder Konkurrenz zu betrachten. Ein solches Team kann nur von jemandem aufgebaut werden, der selbst sicher ist und versteht, dass das wahre Wesen der Führung darin besteht, zu inspirieren und nicht etwa einzuschüchtern oder zu dominieren. 

Führungspersönlichkeiten, die ein sicheres Umfeld schaffen, können gemeinsam mit ihren Teams gewinnen und scheitern. Sie geben aber nie einem Teammitglied die Schuld, wenn etwas schief gelaufen ist, sondern sind lösungsorientiert und wollen gemeinsam vorwärtskommen. Sie loben öffentlich und geben individuelles, konstruktives Feedback. Bei Bedarf sind sie Mentor*innen, die Raum geben, aus Fehlern zu lernen. Sie stecken Menschen nicht in Schubladen, sondern geben ihnen das Vertrauen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Für sie stehen immer die Ergebnisse im Vordergrund. Der Erfolg einer solchen Führungspersönlichkeit lässt sich am besten daran ablesen, wie sich ihr Einfluss auswirkt, selbst wenn sie schon lange fort ist. 

Meister Khalil hatte am Ende des Workshops einen tiefgründigen Gedanken, den er mit uns teilte: „Töpfern ist eine Kunst, bei der man seine inneren Gedanken und Gefühle auf den Ton projiziert, den man zu formen versucht. Wenn dein Geist vernebelt ist, kann es sein, dass das Werk nichts wird. Ein klarer Verstand mit einer Vision vom Ergebnis macht den Unterschied zwischen einem Meisterwerk und einem gewöhnlichen Stück aus.“ Genau das trifft auch auf Führung zu.  

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war ich unsicher, was ich mit meinem Leben und meiner Karriere anfangen wollte. In meinen ersten Berufsjahren war ich so unsicher, dass ich sogar darüber nachdachte, den Beruf zu wechseln. Was mir damals fehlte, war ein Mentor, der mir zur Seite stand und mich in die richtige Richtung stupste. Wenn ich auf die Jahre zurückblicke, in denen ich mich weiterentwickelt habe, hatte ich es immer mit Führungskräften zu tun, die genau diese Qualitäten besaßen. Führungskräfte, die darauf vertrauten, dass ich die richtige Person für den Job war, obwohl ich selbst nicht sicher war, ob ich der Aufgabe gewachsen war. Vor Jahren sagte Ronald Reagan: „Der größte Anführer ist nicht unbedingt derjenige, der die größten Dinge tut. Es ist derjenige, der die Menschen dazu bringt, die großartigsten Dinge zu tun“ – Worte, die auch heute noch Gültigkeit haben! 

 

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